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Die Kremser Evangelische Gemeinde A. und H.B. ist eine Diasporagemeinde, von deren etwa 1100 Mitgliedern ungefähr die Hälfte im Raum Krems, Stein und Mautern lebt. Der Rest ist über den ganzen politischen Bezirk verstreut, also das südliche Waldviertel, die Wachau und das Kamptal.
 
Die heutige evangelische Pfarrgemeinde wurde 1905 gegründet. Sie hat ihre Wurzeln einerseits in der Los-von-Rom-Bewegung des 19. Jhds., andererseits in der von Kaiser Franz Joseph gewährten Religionsfreiheit, die das Entstehen einer selbständigen evangelischen Gemeinde erst ermöglichte.
 
Anfänge evangelischen Glaubenslebens lassen sich in Krems schon seit der Mitte des 16. Jhds. feststellen. Selbstbewusstsein und Bildungsbedürfnis des wohlhabenden Bürgertums fanden in der neuen Lehre Luthersein willkommenes Betätigungsfeld. Auch der einfache Bürger sah sich als eigenverantwortlicher evangelischer Christ aufgewertet. Protestantische Prädikanten hielten Gottesdienste in allen Kremser Kirchen mit Ausnahme der Pfarrkirche, und der Rat der Stadt übernahm die der katholischen Kirche gestifteten Güter gegen geringe Pacht. Söhne wohlhabender Kremser Bürger studierten an protestantischen deutschen Universitäten und brachten das Schrifttum der Reformation in ihre Heimatstadt. Auch die Kremser Lateinschule kam in protestantische Hände und genoss einen vorzüglichen Ruf. Ihre Reorganisation wurde von dem aus Deutschland stammenden Dr. Matthäus durchgeführt.
 
In der zweiten Hälfte des 16. Jhds. waren etwa 90% der Bevölkerung der Stadt evangelisch. Der katholische Landesfürst als oberste Autorität wollte diese Entwicklung auch aus wirtschaftlichen Gründen nicht dulden. Da die Stadt nicht gehorchte - es kam 1589 zu einem Aufstand -, wurde sie zu einer Geldbuße verurteilt und verlor einen großen Teil ihrer Rechte. Die Ansiedlung der Jesuiten 1616 und die Übernahme der Lateinschule sollte dazu dienen, die Bürger wieder für den katholischen Glauben zu gewinnen.
 
Schließlich hat der „Aufstand" von Kremser Protestanten 1619 während des 30jährigen Krieges und ihre Kontakte zu den feindlichen Böhmen dem Luthertum in diesem Gebiet ein Ende bereitet. Der evangelische Glaube wurde verboten, die Gegenreformation mit Strenge durchgeführt (Beichtzettel Bedingung für Bürgerrecht). Die bereits ansässigen Jesuiten verbesserten das katholische Schulwesen und beeinflussten das religiöse und kulturelle Leben entscheidend. Nur der Adel konnte seine Religion frei wählen, was wohlhabende Bürger dazu bewog, sich nobilitieren zu lassen und in privatem Rahmen evangelische Gottesdienste abzuhalten.
 
Für kurze Zeit kam es noch zu einem Aufleben des Protestantismus, als im Laufe des Dreißigjährigen Krieges schwedische Truppen die Stadt besetzten. Doch mit der Befreiung durch kaiserliche Truppen war auch diese Möglichkeit vorbei und der lutherische Glaube blieb in diesem Gebiet für 200 Jahre ausgelöscht.
 
Text: Dr. Waltraute Lorenz
Bild: Martin Lorenz